Gott begegnen. Leben teilen.

Exerzitien

Etwas für Charismatiker?

Es war 1994 als eine Studienfreundin bei mir im Wohnzimmer saß. Wir hatten uns einige Jahre nicht gesehen, und sie erzählte mir von ihren Erfahrungen mit ignatianischen Exerzitien. 10 Tage schweigen, 4 Stunden am Tag beten,... Sie sei dadurch eigentlich erst richtig Gott begegnet, obwohl sie Pfarrerin war und wir als Studentinnen 20 Jahre zuvor im Rahmen der Studentenmission eine Zweierschaft hatten. Manches von den Prozessen, von denen sie erzählte, hatte ich in charismatischer Seelsorge erlebt. Es klang interessant, und ich dachte: doch das würde ich wohl gerne auch mal kennen lernen. Aber 10 Tage meines kostbaren Urlaubs dafür hergeben, um in ein Kloster zu gehen und zu schweigen?? Und hatte ich nicht genug geistliche Impulse im Rahmen der Vineyard, auf Konferenzen, in der eigenen Gemeinde und in charismatischer Seelsorge?

12 Jahre später hatten wir eine heftige Krise in unserem Gemeindeleitungsteam. Ich als Leiterin der Gemeinde wurde zutiefst infrage gestellt. Da erinnerte ich mich an Andreas Bericht von ihren Exerzitien. Wäre jetzt nicht ein Zeitpunkt, sich darauf einzulassen und auszuprobieren, ob Gott mir darin begegnen würde?

Da ich inzwischen die Adresse der evangelischen Communität Casteller Ring (CCR) hatte, die Exerzitien anbot, fragte ich an und bekam eine Zusage. So machte ich im Frühjahr 2006 meine ersten Einzelexerzitien.

Zunächst vielleicht eine kurze Erläuterung, wie Einzelexerzitien ablaufen und um was es dabei eigentlich geht:

Praktisch laufen Einzelexerzitien so ab, dass man in der Regel 10 Tage schweigt, sich vier einzelne Stunden am Tag zum Beten nimmt und täglich ein Begleitgespräch von ca. 30 Minuten hat. Falls man mit mehreren gleichzeitig Exerzitien macht, kann es sein, dass die Begleitperson noch Impulse für alle, Abendmahlsgottesdienste und Eutonie (eine Körperwahrnehmungsübung) anbietet. Im Begleitgespräch geht es darum, zu klären, was sich im Beten und Schweigen, im Vor-Jesus-Sein bewegt hat, wo Schmerz spürbar wurde, Erleichterung und Freude, wo Schuld sichtbar wurde. Zugleich zeigt sich darin das Thema für den neuen Tag, für die nächsten Gebetszeiten und das Gespräch.

Im einführenden Brief von Sr. Ruth Meili, CCR, stand dann u.a. folgendes:

Exerzitien sind Tage, die ganz speziell für Sie bestimmt sind, und Ihren persönlichen Weg in den Blick nehmen, Ihre Beziehung zum Herrn. ....Es ist gut, wenn Sie Erfahrungen haben mit persönlichem Beten und mit Zeiten des Schweigens. Wenn Sie den biblischen Verheißungen vertrauen, dann wissen Sie, dass Gebet immer be-Weg-t und zwar in Richtung Heil, Lebendigkeit, Er-Lösung und Befreiung, zu mehr Liebe zu/für Jesus, Ihren Herrn. Und es ist gut, mit Ihrer Sehnsucht nach noch mehr davon zu kommen.

Auch das dürfen Sie wissen: auf dem Gebet, dem Sich-Öffnen vor Gott, dem einfachen Da-Sein vor ihm, dem Sich-Beschenken-Lassen ruht eine große Verheißung, denn, wenn wir beten geschieht nie nichts.....

Und: Lassen Sie alle Bücher zuhause, die Sie schon längst einmal lesen wollten. Nehmen Sie sich die Freiheit, so zu kommen wie Sie sind. Wagen Sie für diese Tage die Unerreichbarkeit – auch per Handy.

Zum Schweigen während der Exerzitien:

Schweigen heißt "Fasten mit Worten", helfenden Taten und fragenden Blicken. Das gibt die Möglichkeit, eher in Berührung zu kommen mit mir selbst, mit meinen Gefühlen, den Stimmen in mir, die schon längst versuchen zu Wort zu kommen und oft untergehen im Trubel des Alltags, in eigener Frömmigkeit und vielen Aktivitäten.

Schweigen heißt: Gottes Reden und Handeln Raum geben, eigene Vorstellungen und Erwartungen lassen, eigene Redelust und Sammlung von Informationen zurücknehmen und die Möglichkeit schaffen, einfach vor IHM da zu sein, wartend auf das, was ER mir schenken, was für einen Schatz ER in mir öffnet in diesen Tagen.

Hilfreiche Einstellungen für diese Tage sind:

Das klang vielversprechend. Ja, Sehnsucht nach Gott hatte ich. Ihm würde ich gerne tiefer begegnen. Voller Erwartung fuhr ich nach Erfurt.

Zunächst ist mir alles sehr fremd: Die gregorianisch gesungenen Stundengebete der Kommunität, das Schweigen, ...

Im ersten Begleitgespräch gibt mir Sr. Ruth Psalm 63 mit auf den Weg für die ersten vier Gebetszeiten des ersten Tages. Darüber freue ich mich, denn Psalm 63, ein Psalm, in dem es um die Sehnsucht nach Gott geht, ist mein Lieblingspsalm. In jeder der vier Gebetszeiten leuchtet ein anderer Vers auf, und ich freue mich daran, dass Gott meine Sehnsucht stillen will.

Im zweiten Gespräch berichte ich von meinen Erfahrungen des ersten Tages und bekomme einen neuen Impuls zum Beten: ich solle Gottes Wort und seinen Geist einmal wirken lassen über meinem Leben, denn sein Wort komme nicht leer zurück, sondern tue, wofür es gesandt sei (Jes 55,10,11). In einer der Gebetszeiten wird mir plötzlich bewusst, dass mein Leben unter einem ziemlichen Druck steht: du musst, du musst, du musst,... ich fühle mich wie ein vertrockneter Strauch, der kein Wasser bekommt und male ein Bild, um meine Gefühle darzustellen.

Als ich im dritten Gespräch davon berichte, gibt mir Sr. Ruth die Aufgabe, einmal über die Antreiber in meinem Leben nachzudenken, es gäbe davon 5 klassische: sei stark! sei perfekt! mach es allen recht! beeil dich! streng dich an! Ich solle sie mal konkretisieren und ihnen sog. „Erlauber“ daneben stellen. Außerdem könne man den vertrockneten Strauch auch als den Dornbusch sehen, an dem Gott dem Mose begegnet sei. Letzteres tröstet mich. Und was die Antreiber betrifft, entdeckte ich im Laufe der nächsten Gebetszeiten einige, die mich unter Druck setzen. Und in den „Erlaubern“, die ich dagegen stelle, begegne ich Jesus. Grandios, denn er setzt mich nicht unter Druck!

Nachdem mich diese Thematik eine Zeit lang beschäftigt und ich manches der erkannten Muster als Schuld bekannt und Vergebung erhalten habe, begegnet mir Jesus in der Geschichte der Brotvermehrung: Das Wenige, das wir ihm geben, ist genug. Er vermehrt es, und 5000 Menschen werden satt. So sitze ich am letzten Tag auf einer Wiese und freue mich an Gottes Gnade: Das Wenige, das ich habe, reicht aus. Er trägt die Verantwortung für unsere Gemeinde. Ich muss ihm nur das geben, was ich habe. Mehr ist nicht nötig.

Ich fahre nach Hause und habe tiefen Frieden in mir. Meine Stille Zeit bekommt eine andere Tiefe. Sie fällt mir auch leichter, ja ich freue mich, eine Stunde meines Tages mit Jesus verbringen zu dürfen, einfach so. Ich bin neu verliebt in ihn, und das hält lange an. Länger als nach Konferenzen und Tagungen. Denn ich war ja jeden Tag alleine mit Jesus zusammen, und das bin ich zu Hause auch.

Das war meine Ersterfahrung mit Exerzitien. Es war kein Opfer meines kostbaren Urlaubs, sondern im Gegenteil: Als ich nach Hause kam, war ich bestens erholt, innen und außen, denn zwischen den Gebetszeiten bin ich jeweils spazieren gegangen, gejoggt oder hab mich einfach in die Sonne gelegt. Gleich im selben Jahr habe ich noch mal Exerzitien gemacht, im darauf folgenden zweimal,... und heute plane ich diese Zeiten als allererstes, bevor ich meine anderen Termine mache. Denn es geht um die kostbarste Beziehung, die ich habe, und die will ich pflegen.

Inzwischen habe ich acht Mal Exerzitien gemacht, und jedes Mal war es wieder anders. Je öfter ich mir diese Zeiten gönne, desto intensiver und herausfordernder werden sie. Irgendwann kam das Innerste nach oben, die Illusionen und Täuschungen meines Lebens, meine sündigen Lebensmuster. Oft war ich konfrontiert mit meiner Unfähigkeit, einfach einmal vor Jesus auszuharren und auszuhalten, dass gerade nichts spürbares passiert, was sich Charismatiker ja so gerne wünschen. Einmal lud mich Sr. Ruth ein, einfach bei Jesus auszuruhen, und ich konnte es nicht. So bekam ich diese Aufgabe drei Tage hinter einander, bis ich endlich zur Ruhe gekommen war. Zum Schluss saß ich mit Jesus am Feuer am See (Joh 21) und freute mich über seine Gegenwart. Aber es war ein langer Weg, mühsam und dornig bis dahin.

Wenn ich zurückdenke, hat jede Zeit ein bestimmtes Thema gehabt, das vorher nicht abzusehen war. Immer ging es dabei um biblische Wahrheiten, die ich jahrzehntelang geglaubt und gepredigt habe, die aber doch nicht so ganz in meinem Herzen verwurzelt waren.

In einer Exerzitienzeit war es das Wort: „So ist nun keine Verdammnis für die, die in Jesus Christus sind.“ Rö 8,1. Eine alte, bekannte Wahrheit, aber es gab immer wieder das Phänomen, dass ich mich verurteilt habe, wenn ich mal wieder schuldig geworden war oder auch dann, wenn ich mich einfach nur schlecht fühlte, weil ich als guter Christ doch immer fröhlich zu sein habe. Natürlich wusste ich im Kopf, dass das nicht stimmte, trotzdem war es so. Durch diverse Erfahrungen während der 10 Tage rutschte mir dieses Wort mehr ins Herz, so dass sich mein Erleben im Alltag verändert hat.

In einer anderen Exerzitienzeit war es die Tatsache, dass Jesus in uns lebt. Natürlich wusste ich auch das und hatte schon darüber gepredigt, aber es war irgendwo noch Theorie für mich. An einem der Tage habe ich Jesus in mir auf eine Weise wahr genommen, die mich zutiefst überwältigt hat, und seitdem weiß ich es, dass er in mir lebt, auch wenn ich ihn nicht immer spüre.

In den letzten Exerzitien ging es noch mal auf eine tiefere Weise um meine Beziehung zu Jesus. Habe ich eine so intime Beziehung zu ihm, dass ich ihm in allen Dingen vertraue, egal, was passiert? Geht es mir um ihn oder darum, dass es mir gut geht und mein Leben so läuft, wie ich es gerne hätte? Erwarte ich alles von ihm, was ich in meinem Leben brauche, auch wenn er mir nicht das gibt, was ich von ihm erbeten habe? Ich habe gemerkt, dass ich immer noch von vielem anderen Leben erwarte: Von guten Beziehungen z.B., vom Erfolg, von Lob und Anerkennung anderer. Das Dumme ist nur, dass es keine Methode gibt, kein Rezept, das man anwenden könnte, um das zu ändern. So lerne ich seitdem, mich Jesus hinzuhalten und ihn an mir wirken zu lassen. Eine schwierige Übung für einen so aktiven Menschen wie mich. Aber ich merke, er ist dran, und das ist gut. Und je mehr ich loslasse, desto tiefer ist Frieden in mir.

Wie passen Exerzitien und charismatische Spiritualität zusammen? Ich empfinde sie als eine wunderbare Ergänzung. So habe ich auf manchen Spaziergängen lange in Sprachen gebetet, aber auch das Jesusgebet der Ostkirche kennen gelernt, das eine ähnliche Wirkung hat. In einigen Gebetszeiten habe ich die Kraft des heiligen Geistes wie einen Strom in mir gespürt, und das Schweigen macht sensibel für das Reden Gottes zu uns. Aber es gibt auch das andere, wo es gilt zu warten, wenn ich nichts spüre. Und das ist für Charismatiker doch ziemlich schwierig.

An manchen Punkten habe ich mich auch verändert: Konferenzen mit 4 Referaten am Tag sind mir heute meist zu viel. Ich möchte gerne einen Punkt vertiefen, da ich weiß, dass ich doch nicht alles umsetzen kann. In der Seelsorge sehe ich eher Prozesse von Veränderung und habe aufgehört, mal eben schnell nach Methode xy für etwas zu beten.

In der Gemeinde habe ich lange darüber nachgedacht, wie es möglich ist, Menschen in eine geistliche Praxis hineinzuleiten. Immer wieder habe ich erlebt, wie gute Predigten verpufften und kaum Veränderung auslösten. Und so habe ich einen Jüngerschaftskurs nach dem Ablauf der sog. Exerzitien im Alltag entwickelt. Man trifft sich einmal pro Woche, hört ein Referat zu einem Thema und bekommt für jeden Tag einen Impuls zum Beten mit, der hilft, das Thema in den Alltag umzusetzen. In der folgenden Woche trifft man sich zuerst eine Stunde in einer festen Gruppe, um seine Erfahrungen mit Jesus in der vergangenen Woche auszutauschen und bekommt dann ein neues Referat und neue Gebetsimpulse mit. So wird Gehörtes vertieft und im Alltag umgesetzt. Wer sich wirklich darauf einlässt und sich täglich die Zeit nimmt, wird Veränderung erfahren. Im Unterschied zu klassischen Exerzitien im Alltag habe ich die Kurse zu den Themen entwickelt, die uns wichtig sind. Aber es lässt ich nahezu jedes Lebensthema auf diese Weise in den Alltag übersetzen.

Seit einiger Zeit habe ich begonnen, meine charismatischen Freundinnen und Vineyard Kollegen und Kolleginnen zu Exerzitien einzuladen. Und sie machen alle dieselbe Erfahrung: Ihre Beziehung zu Jesus wird vertieft. Sie werden stärker in ihm verwurzelt und können von daher im Alltag besser stehen.

Ab Herbst werde ich selbst eine Exerzitienbegleiterausbildung machen, um in ein paar Jahren einmal Einzelexerzitien begleiten zu können, vielleicht ja für Charismatiker.

Birgit Schindler
Birgit Schindler ist evangelische Theologin und Leiterin der Vineyard Aachen und der Region Westdeutschland Mitte.

Weitere Informationen

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