Gott, Jesus und der Heilige Geist
Schon in meinem Elternhaus habe ich den christlichen Glauben erlebt. An vielen Sonntagen wurde aus der Bibel vorgelesen, meine Geschwister und ich gingen zum Kindergottesdienst in die evangelische Kirche, und vor den Mahlzeiten und abends beteten wir zu Gott. Vor allem meine Großmutter war und ist sehr gläubig und hat uns viel von ihrem Glauben erzählt und ihn sehr offen gelebt. Sie kam mit allen Menschen gut aus und hat häufig zu mir gesagt: "Wenn du etwas Gutes über einen Menschen weißt, dann sag es. Wenn du etwas Schlechtes von einem Menschen weißt, dann frag' dich: Warum sollte ich es erzählen?" Und so lebt sie ihr Leben immer verknüpft mit ihrem Glauben.
Schon früh habe ich begonnen, ein Tagebuch zu führen, und ich habe dabei Anne Frank nachgeahmt. So habe ich immer an "Betty" geschrieben. Am Ende fast jeden Briefes stand irgendetwas mit Gott, z.B.: Lieber Gott, beschütze alle Kinder dieser Erde vor Hunger und Armut. Diese Gebete waren meist global, aber ich glaubte daran, dass Gottvater mich hörte. Später, in der Jugend, wurden die Tagebucheinträge immer seltener und die Gebete einseitiger. Da ging es viel um Aus- und Ansehen, um Freundschaften, und oft habe ich geschrieben, dass Gott mir bitte diesen oder jenen Jungen als Freund schenkt. So wurde mein Interesse immer mehr auf Äußerlichkeiten gelenkt, und Gott rutschte an die letzte Stelle. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern ein schleichender Prozess. So lebte ich meine Pubertät mit vielen Tiefen (und einigen Höhen) aus, ich hatte viele Jahre lang Bulimie, habe ab und zu gekifft, hatte mehrere Jungenbeziehungen, feierte oft endlos und führte oft nur oberflächliche Freundschaften. Irgendwie war ich auf der Suche, aber nie habe ich mich in Ruhe hingesetzt und mir darüber Gedanken gemacht.
Dann kam der Punkt: Als ich in Münster studierte (bezeichnenderweise als 3. Fach evangelische Religionslehre - primär meiner Großmutter zuliebe), erkrankte ein guter Freund von mir an Krebs. Er musste viele Monate in der Uniklinik verbringen, und ich besuchte ihn sehr häufig. Da begann ich wieder zu beten, und war dabei felsenfest davon überzeugt, dass er wieder gesund werden würde. Doch nach ganz langem Leiden ist er gestorben. Diese Nachricht traf mich nach einem Urlaub, als ich gerade wieder zu Hause war. Um den Schock irgendwie verarbeiten zu können, schrieb ich wieder in mein Tagebuch, klagte Gott an, beschimpfte ihn und fragt immer wieder nach dem Grund. Und danach ging bei mir die Schranke in Richtung Glauben wieder zu.
Während dieser Zeit habe ich meinen Mann kennen gelernt. Obwohl mich Gott lange nicht sehr interessiert hat, habe ich angehende Freunde immer gefragt, ob sie an Gott glauben. Mein Mann hat zu dieser Zeit viel in der Bibel gelesen und war schon auf der Suche. Er hat das nur ganz still und allein mit sich ausgemacht. Aber als wir ungefähr zwei Jahre miteinander befreundet waren, meinte er eines Abends zu mir: "Weißt du, dass du an Gott glaubst oder geglaubt hast, reicht nicht aus - du musst an Jesus glauben und ihm folgen, dann kommst du erst zu Gott!". Das war für mich ein Schock, und gleichzeitig empfand ich es als Erniedrigung, dass der Glauben meiner Familie (besonders meiner Großmutter) als unzureichend bezeichnet wurde.
Einige Zeit später (er ging nun schon regelmäßig zu einer christlichen Studentengruppe in München) teilte er mir mit, dass wir unsere Beziehung total umstellen müssten, sonst könnte er nicht mehr mit mir zusammen sein. Das ging mir sehr nahe, da ich nun unmittelbar von diesem Glauben und seinen Auswirkungen betroffen war. Und mir war sofort klar: Entweder du folgst diesem Mann mit all seinen "Ticks" und seltsamen Veränderungen, oder du musst dich von ihm trennen. Da ich aber in einem unserer ersten Gespräche plötzlich ganz deutlich wusste: "Er wird der Vater deiner Kinder sein", konnte ich ihm nur folgen. Zudem bin ich sehr neugierig, und ich wollte wissen, was hinter dieser Forderung steckte.
Also ging ich beim nächsten Besuch (wir führten eine Wochenendbeziehung München- Aachen) mit ihm in eine freie Gemeinde. Da ich alles wissen wollte, sagte ich schon zu Beginn des Gottesdienstes leise: "Wenn es dich gibt, Jesus, dann zeig es mir. Ich mache hier alles mit, was passiert, den Rest musst du machen!" Als dann die Musik einsetzte und viele ihre Arme hoben, fand ich das sehr komisch, aber ein bisschen habe ich die Hände auch gehoben. Bei jedem Aufruf habe ich mich gemeldet (das Thema war das Kreuz Jesu) und bin zum Schluss nach einem Aufruf nach vorne gegangen, bei dem es darum ging, wer Jesus näher kennen lernen wollte. Da kamen dann einige auf mich zu und beteten für mich. Das war ein sehr schönes, aber auch eigenartiges Gefühl. Zurück in Aachen machte ich mich auf die Suche nach einer Gemeinde. So ging ich eines Tages zu einem christlichen Buchladen, um für meine Großmutter ein Buch zu kaufen. Dort traf ich einen freundlichen Mann, der mir viele Bücher zeigte und auch von einer Gemeinde erzählte, die von einer netten Pastorin geleitet würde. Also machte ich mich zum Gästegottesdienst in die Phillipus-Gemeinschaft auf und lernte gleich einige junge Leute kennen. Der Mann aus dem Buchladen lud mich zum Hauskreis ein, und so begann mein eigenes Leben mit Jesus, Gemeinde, Gebet und Bibel.
Kurz danach meldeten Arthur und ich uns zu einem Kongress in Innsbruck an. Am zweiten Tag wurde dort gefragt, wer noch nie öffentlich gesagt oder gezeigt hätte, dass er zu Jesus gehört. Ich wurde hellhörig und dachte: "Eigentlich habe ich es noch nie so richtig gesagt, aber Jesus, ich sage es dir jetzt, und das muss ja reichen!" Aber in mir drin war es immer noch unruhig und so hatte ich das Gefühl, dass Jesus wollte, dass ich vorne vor diese Menschenmasse ging und es so zeigte. So flüsterte ich Arthur zu: "Ich muss gehen." Barfuß ging ich nach vorne und stand dort mit drei anderen vor ca. 2000 Leuten. Ich fühlte mich nicht sehr wohl, aber ich sagte mir, dass ist nun für Jesus. So hob ich die Hand und winkte einfach mal, weil es mir zu blöd war, nur so dazustehen. Und es winkten viele zurück und ich sah, wie Arthur ein wenig rot wurde und etwas im Stuhl versank. Ihm war es wohl peinlich, und im Nachhinein ist es mir auch unangenehm.
Nach diesem Ereignis wusste ich, dass ich zu Jesus gehöre und Gott den Vater kenne, aber es fehlte noch der Heilige Geist. So meldete ich mich zum Alphakurs an und wartete gespannt auf das Wochenende über den Heiligen Geist. Als wir ein Referat über den Heiligen Geist gehört hatten, fragte Birgit: "Wer von euch möchte den Heiligen Geist näher kennen lernen?". Ich hatte ja nur darauf gewartet und sprang sofort auf, aber kein anderer bewegte sich. Und so fragte ich meine Freundin, ob sie nicht auch wollte. Aber sie winkte nur ab. Das fand ich im ersten Moment sehr enttäuschend, aber dann kam Birgit auf mich zu und betete für mich, und ich spürte, dass irgendetwas in mir in Bewegung geriet. Zuerst war ich noch unsicher, ob ich wirklich den Heiligen Geist in mir hätte, aber nach einiger Zeit bekam ich auch das Sprachengebet, um das ich gebetet hatte und seitdem weiß ich, dass ich eine Beziehung mit dem dreieinigen Gott habe.
Seit dieser Zeit rede ich viel mit Gott und lebe mit Jesus in meinem Alltag. Es gibt immer mal wieder Zeiten, in denen ich mich von Gott entferne, gar nicht bewusst, sondern eher im Alltagsgeschehen, aber dann merke ich häufig, dass Gott mir irgendwie, auf seine spezielle Weise, wieder begegnet.
Karin Kühn