Gott begegnen. Leben teilen.

Jesus - der Mann aus Nazareth

Die meisten Menschen in unserem Land, auf den Hauptinhalt des christlichen Glaubens befragt, antworten sinngemäß: "Nächstenliebe ist die Mitte des christlichen Glaubens". Doch geht diese Antwort am eigentlichen Kern vorbei. Wie der Name es sagt, ist die Mitte des Christentums eine Person: Christus. Und Christen sind neutestamentlich die Menschen, die zu Christus gehören.

So müssen wir, um zum Wesen des Christentums vorzudringen, nach der Person Jesu Christi fragen. Was bedeutet er für unsere Beziehung zu Gott? Worin besteht seine spezielle Funktion?

Wir haben in Form der Evangelien vier Darstellungen vorliegen, die diese Gestalt aus unterschiedlicher Perspektive heraus beleuchten. Sie zeichnen Jesus in einer Fülle von Bildern und Funktionen: Den heilenden Jesus, den Jesus, der die Händler aus dem Tempel jagt, den Jesus, der den Etablierten die Meinung sagt, den lehrenden Jesus, den pazifistischen Jesus, etc. Oberflächlich betrachtet könnte sich nun jeder sein Christusbild aussuchen, und jeder hätte dabei ein bißchen recht.

Doch es gibt einen Trend in allen Evangelien, der ein bestimmtes Gefälle beschreibt, das allen Berichten zueigen ist:
Die ersten 30 Lebensjahre werden nur bei Matthäus und Lukas mit je nur zwei Kapiteln erwähnt. Markus und Johannes übergehen sie völlig. Das soll doch wohl andeuten, dass die ersten 30 Jahre für die Gewichtung dieses Lebens nicht wichtig waren. Der Hauptteil der Evangelien ist dann der ca. dreijährigen öffentlichen Wirksamkeit Jesu gewidmet. Doch dann werden in allen vier Evangelien den letzten beiden Tagen seines Lebens erstaunlicherweise je zwei Kapitel zur Verfügung gestellt. Wenn nur zwei Jahre seiner Tätigkeit mit gleicher Ausführlichkeit geschildert worden wären, hätte das über 700 Kapitel bedeutet.

Wenn ein Abschnitt des Lebens eines Menschen so ausführlich dargestellt wird, liegt hier wohl das Zentrum. Der Theologe Martin Kähler formulierte es so: "Evangelien sind Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung". Es gibt im Leben Jesu einen Höhepunkt, auf den alles zuläuft, und das ist sein Tod. Wenn das stimmt, hat das Konsequenzen für unser Verständnis von Christus.

Wie ist dieses Sterben zu deuten?

Das Kreuz

Manche halten es für den zu frühen Tod eines Menschen, der noch viel für die Menschheit hätte tun können. Jesus selber deutete seinen Tod als sein Lebensziel (Markus 10,45). 45 Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele. [Markus 10, 45 | Revidierte Elberfelder Bibel] Jesus sah seinen Tod als den höchsten Dienst an, den er der Menschheit tun konnte. Wie sollen wir das verstehen?
Das Zentrum des Christentums ist die Geschichte von Jesus, der sich opfert, damit Gott und Mensch wieder zusammenkommen.

33 Als die sechste Stunde kam, brach über das ganze Land eine Finsternis herein. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. 34 Und in der neunten Stunde rief Jesus mit lauter Stimme: Eloļ, Eloļ, lema sabachtani?, das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? 35 Einige von denen, die dabeistanden und es hörten, sagten: Hört, er ruft nach Elija! 36 Einer lief hin, tauchte einen Schwamm in Essig, steckte ihn auf einen Stock und gab Jesus zu trinken. Dabei sagte er: Lasst uns doch sehen, ob Elija kommt und ihn herabnimmt. 37 Jesus aber schrie laut auf. Dann hauchte er den Geist aus. 38 Da riss der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei. 39 Als der Hauptmann, der Jesus gegenüberstand, ihn auf diese Weise sterben sah, sagte er: Wahrhaftig, dieser Mensch war Gottes Sohn. [Markus 15, 33-39 | Einheitsübersetzung]

Wie wird das Geschehen der Kreuzigung biblisch gedeutet?

Paulus deutet den Kreuzestod Jesu als stellvertretende Sühne für unser Sünde. Es musste geschehen, um unsere Trennung von Gott zu überwinden. Damit ist das nötige Gericht Gottes an ihm selbst vollstreckt, und wir sind frei. Er hat selbst getragen, was uns zusteht, aus Liebe zu uns. Im Kreuz Jesu kommen somit Gottes Gerechtigkeit und Liebe zusammen. Erst durch das Kreuz Jesu ist Versöhnung mit Gott möglich. Diese Versöhnungstat können wir ergreifen, damit sie auch für uns wirksam wird.

Birgit Schindler